Künstlerische Vision:
„In meiner Arbeit für Contemporary Dance strebe ich danach, eine psychologische Grundstimmung zu erschaffen, die tief in das Thema des Stücks eintaucht und dabei den Verlauf und Wandel der Choreografie unterstützt. Die klangliche Textur soll wie eine unsichtbare Klammer den gesamten Raum und die Bewegung umfassen. Durch den Einsatz ungewöhnlicher Klangquellen – seltene Instrumente, experimentelle Spieltechniken, Klangobjekte jenseits klassischer Instrumente und Fieldrecordings von besonderen Orten – entsteht eine einzigartige, unverwechselbare Klangsprache. Diese ‚klangliche DNA‘ prägt das Tanzstück in all seinen Schichten und verleiht ihm eine eigene, markante Stimme.“
Arbeitsweise:
„Um für jedes Tanzstück einen einzigartigen klanglichen Fingerabdruck zu schaffen, setze ich bevorzugt auf selbst gesampeltes Material, das als Grundlage für tiefgreifende elektronische Transformationen dient. Dabei nutze ich bewusst nur wenige Klangquellen, um einen konsistenten klanglichen Rahmen zu formen, der dennoch Raum für Nuancen und Entwicklung lässt.“
PLAN MEE – Eva Borrmann
In enger Zusammenarbeit mit der Choreografin Eva Borrmann und ihrer Company PLAN MEE sind im Laufe der letzten Jahre zahlreiche Tanzwerke entstanden, die sich gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Themen widmen. Hier eine Auswahl der wichtigsten Produktionen:
Eat the Floor – a contemporary ceremony (2018)
„Eat the Floor – a contemporary ceremony“
In dieser Zeremonie entfalten vier junge Frauen unter der Leitung einer Zeremonienmeisterin ein rituelles Spiel aus Entwicklung und Erkenntnis. Der Zeremonienakt wird zur Bühne für die Auseinandersetzung mit Realität und Selbstwahrnehmung. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Spiel und Ernst, Fiktion und Wirklichkeit. Der rituelle Prozess führt die Tänzerinnen in eine Art „freien Fall“, symbolisch dargestellt durch das „Essen des Bodens“ – eine Reise ins Bodenlose, auf der jede Tänzerin ihre eigenen Erkenntnisse findet.
Musikalische Absicht und Arbeitsweise für „Eat the Floor – a contemporary ceremony“
Für die musikalische Gestaltung dieser zeitgenössischen Zeremonie habe ich drei zentrale Elemente gewählt, die jeweils eine symbolische Rolle im klanglichen Rahmen dieses Stücks spielen:
Das Harmonium – Als Echo religiöser und spiritueller Rituale repräsentiert das Harmonium die spirituelle Ebene der Zeremonie. Sein durchdringender, leicht „atmender“ Klang dient als konstanter, fundamentaler Klangteppich, der die Tänzerinnen durch die Zeremonie leitet. Es evoziert das Gefühl von Ritual und Tradition, das den gesamten Prozess durchdringt.
Saxophon – Überblastechniken und Klappengeräusche des Saxophons symbolisieren das Leben selbst und die Präsenz des Atems, als Quelle und Bewegung des Seins. Die rauen, manchmal chaotischen Klänge lassen die Zeremonie lebendig erscheinen und spiegeln die Energie und Spannung der körperlichen und emotionalen Erfahrung wider. Diese Klänge stehen für die Unvorhersehbarkeit und die Intensität des Lebens, die jede Tänzerin auf ihrem Weg durch die Zeremonie begleitet.
Frauenstimme – Die Frauenstimme ist das klangliche Bindeglied zum Weiblichen und zur Kommunikation. Als sanftes, aber bestimmtes Leitmotiv bringt sie die Dynamik zwischen den Tänzerinnen und der Zeremonienmeisterin zum Ausdruck. Ihre Klänge sind oft fragmentiert oder moduliert, sodass sie sowohl Verständigung als auch Ambiguität verkörpert. Die Stimme ist die Klammer, die das Ritual nicht nur verbindet, sondern auch den Übergang von Realität zu Zeremonie unterstreicht.
ShellShocker (2016)
„ShellShocker“
„ShellShocker“ setzt drei Protagonisten auf die Bühne wie Figuren in einem Spiel – abhängig vom Zufall und fremdbestimmt verfolgen sie ihr Ziel, das ihnen nur für kurze Momente das Gefühl von Macht und Vergnügen verleiht. Scheitern und immer gleiche Enden sind unvermeidlicher Teil des Zyklus, bevor das Spiel neu beginnt und die Figuren wieder in ihre Box zurückkehren. Das Stück verbindet alltägliche Situationen von Kontrollverlust und Ohnmacht mit den großen politischen Machtspielen, in denen Kriege mit Joysticks vorbereitet und wie Computerspiele geführt werden.
Der titelgebende „Shellshock“ – das sogenannte Kriegszittern – bildet den Ausgangspunkt und thematisiert den Kontrollverlust über den eigenen Körper, der durch traumatische Erlebnisse ausgelöst wird. Unkontrolliertes Zittern, Erstarrung und unfreiwillige Bewegungen sind zentrale Elemente der Choreografie und spiegeln sich in einer surrealen, schwankenden Odyssee wider, die intime, alltägliche Momente mit grotesken Bildern von Hilflosigkeit und Fremdbestimmung verbindet.
Musikalische Absicht und Arbeitsweise für „ShellShocker“
Für „ShellShocker“ habe ich mich auf die dunklen und intensiv klangvollen Tiefen des Kontrabasses und Cellos konzentriert, ergänzt durch das rohe, unvermittelte Klangbild eines Holzstuhls als perkussives Element. Diese Instrumentenauswahl dient dazu, die permanente Anspannung und die unterschwellige Bedrohungslage zu transportieren, die das Stück durchzieht.
- Kontrabass und Cello – Die tiefen Streichinstrumente verkörpern das Unkontrollierbare und die Verwirrtheit. Durch Flageolett-Klänge, Glissandi und Col-Legno-Techniken (das Schlagen mit dem Bogenholz) entstehen fragile, vibrierende Klangtexturen, die ständig zwischen Zerbrechlichkeit und Anspannung oszillieren. So entsteht eine musikalische Umgebung, die Unruhe und eine subtile Bedrohung vermittelt und die psychologische Belastung des „Shellshock“ greifbar macht.
- Holzstuhl – Die Schläge des Holzstuhls schaffen eine rohe, unmittelbare Brutalität, die das Bild der Gewalt verstärkt. Der hölzerne, trockene Klang der Stuhlschläge hebt sich klar von den Streichinstrumenten ab und erinnert an eine rohe Körperlichkeit, die mit herkömmlichem Schlagwerk schwer zu erreichen wäre. Er steht symbolisch für die Unvermeidlichkeit des Scheiterns und die alltägliche Brutalität der Fremdbestimmung.
Red.Forest (2019)
„Red.Forest“
„Red.Forest“ interpretiert das Märchen „Rotkäppchen und der böse Wolf“ neu, indem es die Zensuren und Tabus aufgreift, die den ursprünglichen, düsteren Erzählungen verloren gingen. Durch fragmentierte Ballett-Mimensprache und Texte des Philosophen Georges Bataille entsteht ein intensives Wechselspiel, das verdrängte Themen wie Gewalt und Sexualität beleuchtet. „Red.Forest“ regt dazu an, bekannte Erzählungen in einem zeitgenössischen Diskurs neu zu entdecken und fordert das Publikum auf, die sozialen und kulturellen Normen zu reflektieren, die unser Verständnis von Märchen und Identität prägen.
Musikalische Atmosphäre für „Red.Forest“
Um die geheimnisvolle, märchenhafte Grundatmosphäre des Stücks zu unterstützen, entschied ich mich für zwei besondere Klangquellen: Ein Gong, dessen obertonreicher Klang Raum für manipulative Variationen bietet und eine „singende“ Charakteristik schafft, sowie nächtliche Geräusche eines Rangierbahnhofs. Das rhythmische Atmen der Züge und das metallische Klacken der Schienen erzeugen eine düstere Grundstimmung, die das Märchenhafte mit bedrohlichen Akzenten verbindet – wie entfernte Lichtpunkte in dunkler Nacht.
Springbreak (2016)
„Spring Break“
In „Spring Break“ verlegt PLAN MEE Igor Strawinskys Meisterwerk „Le Sacre du Printemps“ in die heutige Welt der jungen Generation. Das Stück erforscht das Phänomen des „Spring Breaks“, bei dem sich Studierende an Party-Hotspots in ausgelassenen, oft exzessiven Feiern verlieren. Was ursprünglich ein Ritual des Frühlings und der Erneuerung war, verwandelt sich hier in einen Rausch, bei dem der Übergang ins Erwachsenenleben durch Alkoholkonsum, Drogen und Grenzenlosigkeit geprägt wird. Nicht mehr eine Jungfrau wird geopfert, sondern die Unschuld einer ganzen Generation.In dieser modernen Zeremonie kämpfen die Kräfte des Frühlings – dargestellt durch Strawinskys Musik – um ihren Platz in einer neuen Welt, die den Frühling nur durch Transformation zu akzeptieren scheint. Die Dynamik des Stücks entfaltet sich durch die Interaktion der drei Tänzerinnen, die in dieser zeitgenössischen Auseinandersetzung mit Tradition und Freiheit eine intensive körperliche Reise erleben.
Musikalische Absicht und Arbeitsweise für „Spring Break“
Für „Spring Break“ habe ich das archaische Fundament von Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ durch hunderte von „Soundmolekülen“ neu interpretiert. Diese Fragmente des Originals habe ich digital verfremdet, manipuliert und neu arrangiert, um die ursprüngliche, rituelle Kraft in die heutige Zeit zu übertragen. Durch diese transformative Bearbeitung bekommt Strawinskys Musik einen modernen, rohen Charakter, der die Grenzen zwischen Tradition und zeitgenössischer Klangsprache verwischt.
Diese Bearbeitung spiegelt das Thema des Stücks wider: Der Frühling und seine transformierende Kraft werden in eine moderne Zeremonie eingebettet, die das Unschuldige und Ursprüngliche zugunsten einer neuen, dynamischen Klangwelt hinter sich lässt. Die Musik wird zum Spiegel für die Spannung zwischen Rausch und Erneuerung, die im Zentrum dieses Rituals steht.
Un Amor – oder die Erfindung meiner Mutter (2022)
„Un Amor – oder Die Erfindung meiner Mutter“
„Un Amor“ ist eine intime und biografische Solo-Performance, in der die Choreografin Eva Borrmann die Beziehung zu ihrer Mutter durch die Linse des Tanzes und ihrer eigenen Erinnerungen betrachtet. In ständiger Auseinandersetzung mit dem prägenden Bild der Mutter als Flamenco-Tänzerin erkundet Borrmann die Wandlung dieses kraftvollen, leidenschaftlichen Frauenbildes und dessen Bedeutung für die Gegenwart.
Mit einer Mischung aus Tanz, Erzählung und retrospektiven Beobachtungen schafft Borrmann ein vielschichtiges Portrait, das zwischen Nostalgie und den Herausforderungen des heutigen Lebens oszilliert. Die Musik fügt sich dabei subtil in den Abend ein, um die erzählerischen und emotionalen Übergänge zu unterstützen und der Choreografie zusätzliche Tiefe zu verleihen, ohne die zentrale Erzählstimme zu überlagern.
Softfocus (2022)
„Soft Focus“
In „Soft Focus“ stellt Eva Borrmann die Frage: Was passiert, wenn Kitsch auf nackte Haut trifft? Inspiriert von der Ästhetik des Fotografen David Hamilton, dessen weichgezeichnete, kitschige Aktaufnahmen in den 1970er Jahren berühmt wurden, untersucht das Stück die Darstellung des Körpers zwischen Macht, Ironie und Stereotypen. Zwei Tänzerinnen über fünfzig treten überwiegend nackt auf und lassen die vermeintliche „Sanftheit“ des Kitschbildes brüchig erscheinen, indem sie das Verborgene und Verdrängte ans Licht bringen. So entsteht eine absurde und provokative Bildsprache, die das „sozial geformte“ Frauenbild infrage stellt.
Die musikalische Gestaltung baut einen klanglichen Kontrast zu den eingesetzten ABBA-Songs auf: Eine Hymne aus dem Geräusch einer Elektropumpe , die die Ironie und Künstlichkeit der Szene unterstreicht. Zudem eine Soundcollage aus Textzitaten von „Lay All Your Love on Me“ geräuschhaft digital verformt . So entstehen Klangräume, die die Ambivalenz zwischen Kitsch und Realität akustisch greifbar machen und die kritische Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körperbild verstärken.
Weitere Tanzprojekte
Über Dinge – oder ein Himmel voller Pasta (2021) co>labs
Über Dinge – Ein Himmel voller Pasta
Ein gegenständliches Tanzprojekt für Kinder ab 10 Jahren, Eine Produktion von co>labs, Choreografie: Beate Höhn
In diesem fantasievollen Tanzstück für Kinder ab 10 Jahren nimmt die Choreografie Nudeln als Ausgangspunkt und erweckt sie auf der Bühne zu eigenem Leben. Die Tänzer erkunden dabei auf humorvolle und überraschende Weise die Welt der Dinge und laden das junge Publikum ein, in eine bewegte Szenerie aus Kreativität und Poesie einzutauchen. Die Musik begleitet diesen Prozess spielerisch und unterstützt die fantasievollen Bilder, die auf der Bühne entstehen.
Der Tod und das Mädchen (2019) setanztheather
Der Tod und das Mädchen
SETanztheater
In dieser Inszenierung von Franz Schuberts Der Tod und das Mädchen verschmelzen Schuberts Lieder mit Songs von Musikern wie Amy Winehouse, Kurt Cobain und Jim Morrison. Die musikalische Bearbeitung verbindet beide Welten und schafft eine Atmosphäre, die Schuberts existenzielle Themen auf berührende Weise in die Gegenwart holt.